Auf fast jeder technischen Zeichnung stehen Maße ohne eigene Toleranzangabe — und trotzdem sind sie nicht „toleranzfrei“. Für sie gilt die Allgemeintoleranz aus dem Schriftfeld, meist nach ISO 2768. Im Prüfplan werden genau diese Maße gern falsch behandelt: mal vergessen, mal ohne Toleranz geführt. Beides fällt spätestens bei der Erstbemusterung auf die Füße.
Was ISO 2768 regelt
ISO 2768 legt Allgemeintoleranzen für Maße ohne Einzeltoleranz fest. Teil 1 betrifft Längen- und Winkelmaße in vier Klassen (f = fein, m = mittel, c = grob, v = sehr grob), Teil 2 Form und Lage in den Klassen H, K und L. Eine Angabe wie „ISO 2768-mK“ im Schriftfeld heißt also: Längenmaße nach Klasse m, Form und Lage nach Klasse K. Die zulässige Abweichung hängt dabei vom Nennmaßbereich ab — ein 20-mm-Maß der Klasse m darf ±0,2 mm streuen, ein 200-mm-Maß bereits ±0,5 mm.
Warum diese Maße in den Prüfplan gehören
Ein Maß ohne Einzeltoleranz ist trotzdem ein Merkmal: Es beschreibt die Geometrie des Teils, und der Kunde darf erwarten, dass es innerhalb der Allgemeintoleranz liegt. Wer solche Maße beim Ballonieren auslässt, liefert einen unvollständigen Erstmusterprüfbericht — und wer sie ohne Toleranz in die Merkmalsliste schreibt, kann beim Messen weder „gut“ noch „schlecht“ entscheiden. Die saubere Form: Jedes dieser Maße bekommt seinen nummerierten Stempel, und in der Merkmalsliste steht die aus Klasse und Nennmaßbereich abgeleitete Grenzabweichung.
Drei Stolperfallen aus der Praxis
- Das Schriftfeld wird überlesen. Ohne die Klassenangabe (z. B. mK) lässt sich keine Grenzabweichung ableiten. Fehlt sie auf der Zeichnung, ist das eine Rückfrage an den Kunden wert — nicht eine Annahme.
- Klammermaße werden mitgeprüft. Maße in Klammern, etwa „(12,5)“, sind Hilfs- bzw. Informationsmaße und normalerweise nicht prüfpflichtig. Sie gehören nur dann in den Prüfplan, wenn das ausdrücklich vereinbart ist.
- Winkel- und Fasenmaße fallen durch. Auch 45°-Fasen und Winkelangaben ohne Toleranz unterliegen der Allgemeintoleranz — sie werden beim Stempeln besonders oft übersehen.
So hilft die Software
DrawingStamp Pro stempelt beim automatischen Erkennen auch die Maße ohne Einzeltoleranz mit und führt sie in der exportierten Merkmalsliste auf — sie fallen also nicht schon deshalb aus dem Prüfplan, weil keine eigene Toleranz danebensteht. Klammermaße werden standardmäßig ausgelassen und lassen sich auf Wunsch gezielt mitstempeln, falls der Kunde das verlangt. Die Zuordnung der richtigen Toleranzklasse aus dem Schriftfeld bleibt ein bewusster Blick des Prüfers — genau der Blick, der aus einer Liste einen belastbaren Prüfplan macht.
Wie aus der ballonierten Zeichnung ein kompletter Erstmusterprüfbericht wird, zeigt der Leitfaden auf der Seite EMPB-Software.